Journal XX
Hochsensibilität im Beruf
Karriere Ratgeber

Du Sensibelchen – Berufliche Chancen bei Hochsensibilität

„Du Sensibelchen.“ Da ist er wieder. Der Satz, der in Annas Magen sticht. Auch wenn ihre Mutter dabei sanft lächelnd die Augen verdreht und ihrer Tochter gut gemeint über den Rücken streicht. Er hinterlässt neben dem Gefühl missverstanden zu sein, gleichzeitig Annas Gedanken, dass mit ihr etwas nicht stimmt, sie empfindlicher ist als andere.

Anna muss Bewerbungen schreiben. Doch sie fragt sich, wie sie mit ihrer Empfindlichkeit eine Chance im stressigen Berufsleben haben kann. Empfindlich sein. Das ist so negativ behaftet. Sie sieht sich eher als sehr empfindsam. Sehr sensibel. Und so befasst sie sich mit einem Thema, dass in den letzten Jahren zwar verhalten, aber immer öfter Einzug in den Medien findet: Hochsensibilität.

Die amerikanische Psychologin Elaine Aron veröffentlichte Mitte der 90er ihr Buch „The Highly Sensitive Person“ und brachte damit die Diskussion über diese Eigenschaft langsam ins Rollen. Seitdem gibt es noch keine eindeutige und anerkannte neurowissenschaftliche Definition oder zuverlässige Tests nach wissenschaftlichen Standards. Es lassen sich allerdings allerlei Erfahrungsberichte, Selbsthilfegruppen und Ratgeber zu diesem Thema finden. So oder so fällt es schwer, jemandem „Hochsensibilität“ als Etikett aufzudrücken. Die Bezeichnung soll lediglich als Oberbegriff für eine besondere Ausprägung der Reizverarbeitung und als Orientierung für Betroffene gelten. Überall macht man ausdrücklich darauf aufmerksam, dass es sich bei Hochsensibilität um eine Eigenschaft, ein Persönlichkeitsmerkmal handelt. Auf keinen Fall ist es eine Krankheit oder bedarf einer medizinischen Diagnose.

Was ist Hochsensibilität?

Als hochsensibel gelten nach allgemeinem Konsens Menschen, die innere und äußere Reize anders verarbeiten und damit stärker wahrnehmen. Dabei kann es sich um sensorische, emotionale und kognitive Reize handeln. In welchem Bereich die neuronal intensivere Verarbeitung auftritt und wie ausgeprägt diese ist, kann variieren. So ist ein Betroffener besonders licht- und geräuschempfindlich. Ein anderer nimmt die Stimmungen anderer Menschen viel deutlicher wahr und wird durch diese beeinflusst. Wieder ein anderer erkennt Details und komplexe Zusammenhänge, die dem Großteil der Bevölkerung entgehen.

Auf Grund der intensiveren Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen fühlen sich viele Betroffene reizüberflutet. Ihnen fällt der Umgang mit der eigenen Situation oft schwer und sie fühlen sich andersartig. Aufgrund einer möglichen sensorischen Überempfindlichkeit, eines tieferen Reflexionsvermögens oder einer stärkeren physiologischen Erregbarkeit, stoßen viele hochsensible Personen auf Unverständnis bei nicht Hochsensiblen.

Hochsensibilität kann für die Betroffenen schwierige Rahmenbedingungen im persönlichen, aber auch beruflichen Umfeld darstellen. Aufgrund ihrer Eigenschaft gehen sie in der Regel sehr analytisch und behutsam vor und wägen alle möglichen Einflüsse und Folgen ab. Deshalb fällt es ihnen oft schwer, eine schnelle Entscheidung zu treffen, was in einer von Wettbewerb und Leistung geprägten Gesellschaft aber meist gefordert wird. Darüber hinaus grenzt diese oft Werte aus, die hochsensiblen Personen wichtig sind. Sie suchen einen Sinn in dem, was sie tun. Sie können schlecht mit unsachlicher, undifferenzierter Kritik umgehen und benötigen mehr Einfühlungsvermögen und respektvolle, wertschätzende Kommunikation durch ihr Gegenüber.

Aufgrund der vielen externen Reize und des entgegengebrachten Unverständnisses stoßen Hochsensible häufig an ihre Grenzen und sind überfordert. Sie sind unsicher, stressanfällig, ziehen sich zurück und zweifeln an sich. Sie investieren viel Energie um sich vor Reizen zu schützen oder sich den nicht hochsensiblen Menschen anzupassen. So kann dieses Merkmal einen Einfluss auf das psychische Wohlbefinden der betroffenen Personen ausüben und dazu führen, dass sie ihr Potenzial nicht voll umfänglich nutzen können, es nicht mal wahrnehmen.

Hochsensibilität – Eine Schwäche im Berufsleben?

Auf den ersten Blick sieht unsere Gesellschaft Hochsensibilität vielleicht als Schwäche an. Doch haben hochsensible Personen viele Fähigkeiten und Potenziale, die eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnenswert machen. Insbesondere für Arbeitgeber.

Hochsensible Personen werden mit vielen positiven Eigenschaften in Verbindung gebracht. Ein hohes Empathievermögen, Reflexionsfähigkeit, Differenziertheit und Kreativität sind zunächst zu nennen. Sie besitzen häufig einen guten Überblick, sind lösungsorientiert, legen viel Wert auf Details und Qualität und haben einen Sinn für Ästhetik. Man schreibt ihnen Tugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß und Gewissenhaftigkeit zu. Hochsensible haben häufig eine sehr gute Intuition. Neben ihrer Empfänglichkeit für Stimmungen anderer ist dies ein guter Indikator für ein schlechtes Betriebsklima und um mögliche Missstände innerhalb der Belegschaft frühzeitig zu erkennen. Sie sind meist gute Teammitglieder und wirken ausgleichend auf das Arbeitsklima.

Als wertgeschätzte Mitarbeiter, mit ausreichend großem Gestaltungsspielraum, leisten hochsensible Mitarbeiter richtig eingesetzt einen wertvollen Beitrag im Betrieb. Sie sind überaus motiviert und verantwortungsbewusst. Der Wohlfühlbereich hochsensibler Personen, der zugleich der beste Leistungsbereich ist, ist jedoch enger gesteckt, als bei nicht hochsensiblen Personen. Darauf sollten Arbeitgeber achten. Womöglich sind hier andere Mitarbeiterbedürfnisse zu erfüllen.

Für Hochsensible selbst ist eine Erkenntnis für die Berufswahl, aber auch für ihr gesamtes Leben, als Wichtigste voran zu stellen: Nur durch Selbstannahme und Selbstfürsorge können sie ihre Potenziale voll entfalten. Betroffene müssen ihre Grenzen und Bedürfnisse erkennen und Bewältigungsstrategien für Belastungen entwickeln.

Worauf Hochsensible im Beruf achten sollten

Die richtige Berufswahl ist schon für nicht Hochsensible eine Herausforderung und viele scheitern an berufsbedingtem Stress. Umso mehr sollten hochsensible Personen auf die Besonderheiten ihrer Empfindsamkeit achten. Je nach Ausprägung der Hochsensibilität können einige Aspekte bei der beruflichen Orientierung hilfreich sein:

1. Sinnhafte Aufgabe und gutes Arbeitsklima

Betroffene sollten eine Tätigkeit finden, in der sie einen Sinn sehen. Das ausgesuchte Unternehmen sollte seine Mitarbeiter nicht nur mit rein monetären Anreizen motivieren. Soweit es möglich ist, dies vorher wahrheitsgemäß in Erfahrung zu bringen, sollten persönliche Wertschätzung, betriebliche Aufstiegschancen und ein gesicherter Arbeitsplatz gegeben sein.

Ein gutes Arbeitsklima, dass durch soziale Unterstützung geprägt ist, kann sich positiv auf körperliche Stressreaktionen auswirken und das psychische Wohlbefinden steigern. Dies ist insbesondere für hochsensible Personen von hohem Stellenwert. Wettbewerbssituationen und Konkurrenzkampf innerhalb der Belegschaft sollten sie meiden.

2. Großer Gestaltungsspielraum und Qualitätsanspruch

Ein Berufsfeld, in dem Hochsensible hohen Anforderungen mit möglichst viel eigener Kontrolle begegnen können, ist von Vorteil. Voraussetzung für ihre Kreativität kann nur ein ausreichend großer Gestaltungsspielraum sein. Zeit- und Erfolgsdruck, zu enge Vorgaben und starre Abläufe behindern die Potenziale von hochsensiblen Mitarbeitern.

Geeignet sind Tätigkeitsbereiche, in denen die Betroffenen ihre Gründlichkeit und differenzierte Wahrnehmung einsetzen können. Auch ihre Neigung zu Detailtreue und hoher Qualität sollten einen Platz im Berufsalltag finden.

Ihre Fähigkeit des differenzierten und komplexen Denkens können Hochsensible sehr gut in Tätigkeiten mit hohem Organisations- und Koordinationsanteil sowie der Gliederung vieler Informationen einbringen. Ausgiebiges Recherchieren, das Ausarbeiten von Konzepten und verschiedenen Alternativen fällt vielen Hochsensiblen leicht.

3. Empathie und Rückzugsmöglichkeiten

Aufgrund ihrer hohen Empathiefähigkeit eignen sich hochsensible Personen sehr gut für die Arbeit mit Menschen. Diese sollte aber nicht ununterbrochen Bestandteil der Tätigkeit sein, da die Aufnahme der Emotionen anderer, einhergehend mit der verringerten Abgrenzungsfähigkeit, hochsensible Menschen zu viel Energie kosten kann.

Bei allen Tätigkeiten ist besonders darauf zu achten, dass es Rückzugsmöglichkeiten für die hochsensiblen Mitarbeiter gibt. Diese benötigen sie, um die Menge und Intensität der auf sie einströmenden Reize zu verarbeiten und sich sammeln zu können. Eine grundsätzliche Reduzierung externer Reize sollte von vorneherein gegeben sein. So ist beispielsweise die Arbeit in einem Großraumbüro eher ungeeignet.

4. Selbstständigkeit genau überdenken

Auch eine Selbstständigkeit kann eine Option für einen hochsensiblen Menschen sein. Hier sollten jedoch dringend weitere Persönlichkeitsmerkmale und Bedürfnisse zur Abwägung herangezogen werden.

 

Und Anna? Die will sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Sie macht sich jetzt aber genauer Gedanken darüber, was sie möchte und ihr guttut. Und welcher Job dazu passt.

Beitragsfoto: dasstudios über pixabay.com (CC0)

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