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Gesellschaft

#MeToo: Warum so manche Frau von Sexismus noch nichts mitbekommen hat

Sexismus gab es schon immer. Spätestens seit Oktober 2017 wissen das alle. Denn da rief Schauspielerin Alyssa Milano zum Tweeten des Hashtags #MeToo auf, um damit auf das Ausmaß sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen. Auslöser waren die Enthüllungen um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, der zahlreiche Frauen sexuell angegriffen haben soll.

Mit dem #MeToo-Hashtag wurde eine Diskussion um strukturellen Sexismus ausgelöst, die längst überfällig war.

Inzwischen lässt sich aber Folgendes beobachten: Je länger sich das Thema in den Medien hält – und das ist immerhin seit über sechs Monaten der Fall – desto mehr stellt sich bei den Mediennutzern ein Gefühl der Sättigung ein. Unterstützerstimmen werden zurückhaltender, Gegenstimmen aggressiver.

Immer häufiger distanzieren sich auch erfolgreiche Frauen mit Vorbildfunktion von der Sexismusdebatte oder geben an, dass sie selbst nicht von Sexismus betroffen seien.

So auch „Miss Germany 2018“- Siegerin Anahita Rehbein, die in einem Interview mit dem „Stern“ erklärt: „Damit bin ich selber noch nie konfrontiert worden.“

Es sollte zum Nachdenken anregen, dass die Siegerin eines Schönheitswettbewerbs, bei dem alle Bewerberinnen unverheiratet und kinderlos sein müssen und nicht älter als 28 sein dürfen, die Omnipräsenz von Sexismus verneint.

 

Genderkonformes Verhalten = “dem Geschlecht entsprechendes Verhalten”

 

Der Grund hierfür ist die Belohnung genderkonformen Verhaltens. Vereinfacht ausgedrückt: Mädchen, die mit Puppen spielen und im späteren Leben einem so genannten „Frauenberuf“ nachgehen, sehen sich seltener mit geschlechtsspezifischen Konflikten konfrontiert als Mädchen mit Kurzhaarschnitt, die später als Industriemechanikerin arbeiten wollen.

Genderkonformes Verhalten oder „dem Geschlecht entsprechendes Verhalten“ wird also belohnt. Wenn wir aufwachsen und die an uns herangetragenen Rollen ausfüllen ohne diese zu reflektieren und zu hinterfragen, führen wir ein einfacheres Leben:

Wir erfahren keine Ausgrenzung und Ablehnung, da unser Verhalten der gesellschaftlichen Norm entspricht. Nicht-genderkonformes Verhalten führt hingegen zu Problemen.

So gibt es nur wenige ausgebildete Erzieher, was unter anderem in der Angst vor dem Mann als „potentiellem Triebtäter und Pädophilen“ begründet liegt.

Eine junge Frau, die von der Arbeit als KFZ-Mechatronikerin träumt, muss mitunter lange auf eine Lehrstelle warten. Gerade kleine und mittelständische KFZ-Betriebe können keine Frauen einstellen, da sie nur eine einzige Toilette haben, der Arbeitsschutz jedoch getrennte Toiletten für Männer und Frauen vorsieht.

Frauen, die dem gesellschaftlichen Ideal entsprechen, werden zuerst belohnt. Und später bestraft.

Wer sich „seinem Geschlecht entsprechend“ verhält, hat es also leichter im Leben. Zunächst. Denn am strukturellen Sexismus ändert das von der Gesellschaft bevorzugte Auftreten ohne kritisches Hinterfragen nichts. Viele Frauen, die Erfolge in der Unterhaltungs- und Schönheitsindustrie feiern, sind vor allem deshalb erfolgreich, weil sie dem gesellschaftlichen Idealbild entsprechen.

Daher kann man es Anahita Rehbein nicht einmal krummnehmen, dass sie von Sexismus noch nichts mitbekommen hat. Diese Haltung könnte sich ändern, wenn sie eines Tages – mit fortgeschrittenem Alter – an die gläserne Decke stößt. Wenn es ihr nicht gerade gelingt, wie Heidi Klum (gemeinsam mit ihrem Vater!) ein Model-Imperium aufzubauen, wird sie feststellen, dass die Entscheidungsträger in der Schönheitsbranche überwiegend weiße Männer mittleren Alters sind.

Für eine nachhaltige Karriere – und das gilt nicht nur für den Unterhaltungs- und Schönheitssektor, aber für diesen im Besonderen – müssen Frauen schon früh den Grundstein legen. Indem sie sich NICHT genderkonform verhalten: Unternehmerisch denken und (ver-)handeln, die eigene Position mit Vehemenz vertreten. Frauen, die über jene Eigenschaften verfügen, die als „nicht-feminin“ gelten, stoßen hingegen frühzeitig auf Konflikte, die einer beginnenden Karriere im Weg stehen.

#MeToo war erst der Beginn einer wichtigen Diskussion. Trotz Backlash und medialer Sättigungserscheinungen sollten wir dankbar dafür sein, dass der sexistische Status Quo benannt und infrage gestellt wird.

 

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