Journal XX
Adderall
Ernährung & Gesundheit TV & Film

Die Netflix-Doku “Take Your Pills” wollte aufklären – doch dieses Ziel hat sie verfehlt

Die am 16. März erschienene Netflix-Doku „Take your Pills wird derzeit kontrovers diskutiert. Hier berichten vornehmlich Studenten, aber auch Sportler und Berufstätige von ihren Erfahrungen mit dem leistungssteigernden Medikament AdderallDie Dokumentation steht in der Kritik, den Konsum des Präparates Adderall zu verharmlosen und herunterzuspielen.

Die Organisation AD(h)S / AD(H)D hat auf change.org eine Petition an Netflix gestartet, in der sie von Netflix fordert, die Dokumentation zu berichtigen oder vollständig aus dem Programm zu nehmen. In der Petition heißt es:

„Take Your Pills is a dangerous documentary that glorifies the usage of Adderall.”

Auch auf die Nebenwirkungen werde nicht genug eingegangen:

„There is very little talk of the negative effects that Adderall has on those who do not suffer from ADD or ADHD and the negative effects that are addressed are downplayed.”

 

Ist diese Kritik berechtigt? Und was ist überhaupt Adderall?

Was ist Adderall?

Obwohl ich mich, was Drogen und pharmazeutische Präparate angeht, für einigermaßen aufgeklärt und bewandert halte, war mir Adderall kein Begriff. Beim Durchzappen bleibe ich bei der neuen Netflix-Doku „Take you Pills“ hängen und frage mich: Was ist Adderall? Ich recherchiere und finde heraus, dass Adderall zur Gruppe der Amphetamine gehört und originär zur Behandlung von Menschen mit ADHS, einer Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, eingesetzt wird. Mehr und mehr nutzen aber auch gesunde Menschen Medikamente wie Adderall, Ritalin, Vigil oder Aricept, um ihre Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen und ihre Gedächtnisleistung zu steigern.

Zudem wird Aderall auch die “Hollywood-Droge genannt, weil viele Stars gerne auf das schlank machende und aufputschende Medikament zurückgreifen.

Adderall Pille
Adderall-Pille (Wikimedia Commons, CC0 )

Wie wirken Adderall und Co.?

Adderall, Ritalin und Co. wirken wie Kokain oder klassische Amphetamine. Die Medikamente machen wach, fördern die Konzentration und hemmen Impulse wie Hunger, Müdigkeit und Durst. Man ist quasi in einer Art Tunnel. Alles was stört, wird ausgeblendet. Die kognitiven Fähigkeiten werden künstlich erhöht, in der Wissenschaft spricht man von Neuro-Enhancement.

Neuro-Enhancement– Doping fürs Gehirn

Darunter versteht man den Konsum von pharmazeutischen Mitteln und psychoaktiven Substanzen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. Dieses Phänomen ist nicht neu: Novalis holte sich Inspiration mittels Opium, in den 30ern hielten sich amerikanische Studenten mit Amphetaminen wach und im zweiten Weltkrieg wurden Aufputschmittel an Soldaten verteilt. Die meisten Mittel landeten wegen Missbrauchs und Nebenwirkungen auf der Drogenliste. In den letzten Jahren erlebten Amphetamine jedoch ein Comeback und avancierten zur Lifestyle-Droge. Gerade in Amerika boomt der Markt, wie „Take your Pills“ zeigt.

Gehirndoping Take Your Pills
via pexels (CC0)

Adderall als Wunderpille

Womit wir wieder bei der Dokumentation wären. Ich beginne „Take you Pills“ zu gucken, schon der Vorspann ist reizüberflutend, es folgen cartoonartige Szenen, die von schnell zusammengeschnittenen Interviews abgelöst werden. Die Dokumentation legt ein beeindruckendes Tempo vor und man bekommt den Eindruck, man müsse selbst Adderall nehmen, um der Handlung folgen zu können.

Zu Beginn wird eine junge Studentin gezeigt, die sagt: Jeder nimmt Adderall, wirklich jeder!“  Dabei spricht sie mit einer Selbstverständlichkeit von dem verschreibungspflichtigen Medikament, als ginge es um die neueste Trendsportart, die jetzt jeder mitmacht.

Ganz selbstverständlich wird auch über Konsum und Handel gesprochen. Letzterer läuft dank sozialer Netzwerke, reibungslos. Man bekommt den Eindruck, es sei das Normalste der Welt, nach dem Frühstück eine leistungssteigernde Pille zu schlucken.

Adderall wird zur Wunderpille erhoben, mit der man das Komplettpaket eines vermeintlich erfolgreichen Lebens erlangen kann. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr zudem ein gewisser Coolnessfaktor anhaftet.

„Du willst schlank sein, gute Noten haben und trotzdem ausgehen können? Adderall macht es möglich.“, resümiert eine andere Studentin.

Wie einfach und unbekümmert das klingt. Eine Droge als Antwort auf alles? Was treibt so viele Studenten dazu, leistungssteigernde Medikamente zu nehmen?

 Konkurrenz- und Leistungsdruck als Auslöser?

„Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst“, heißt es bei „Alice hinter den Spiegeln“, als Alice auf die rote Schachkönigin trifft, die im Eiltempo rennt, aber dabei auf der Stelle bleibt. Ähnlich wie der Schachkönigin geht es heute vielen.

In der Dokumentation hört man immer wieder, dass die Studenten dem hohen Lernpensum nicht gerecht werden können. Und es stimmt: In unserer Leistungsgesellschaft lastet ein hoher Druck auf dem Einzelnen. Gemäß der Maxime „höher, schneller, weiter“ wird die beste Version des eigenen Selbst erwartet. Zudem wird der Konkurrenzdruck immer höher und angesichts einer zunehmend prekären Wirtschaftslage, werden gute Noten als Garant für eine gut bezahlte Anstellung gesehen. Studien belegen, dass auch deutsche Studenten sich permanent gestresst fühlen und Gehirndoping betreiben.

Die Uni Mainz fand 2013 in einer Studie heraus, dass jeder fünfte Student bereits Hirndoping betrieben und sich so zu besseren Ergebnissen gepusht hat.

„Dem erhöhten Wettbewerbsdruck in der Gesellschaft wird begegnet, indem man zu solchen Substanzen greift“, sagt Isabella Heuser, Psychotherapeutin an der Berliner Charité. „Durch sie wird man nicht klüger, aber man kann länger und konzentrierter arbeiten.”

Müsste man also das ganze System überdenken oder gehen die Studenten den Weg des geringsten Widerstands, weil es einfacher ist, sich eine Pille einzuschmeißen, als Monate zu lernen? Eine Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt und vermutlich eine Mischung aus beidem ist.

Verharmlosung von Medikamentenkonsum – Nebenwirkungen und Langzeitfolgen

take your pills netflix
Foto: Geralt via pixabay (CC0)

Welche Motivation letztendlich auch immer dahinter stehen mag, was die Dokumentation verharmlost, sind die Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Nebenwirkungen, bei normaler Dosierung, sind unter anderem Schlaflosigkeit, Nervosität, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Herzrhythmusstörungen. In schweren Fällen kann es zum Herzinfarkt kommen. Häufig gehen mit den körperlichen Symptomen psychische Veränderungen einher, wie Aggression, Erregung, Ängstlichkeit oder Depression.

Viele unterliegen dem Irrglauben, die Neuro-Enhancer seien –  im Gegensatz zu klassischen Drogen –  sicher, weil es sich dabei schließlich um zugelassene und getestete Medikamente handelt. Das ist aber mehr Wunschdenken als Realität. Die Aus- und Nebenwirkungen auf gesunde Organismen sind nicht vollständig erforscht. Die Substanzen haben eine Sogwirkung, die zur Sucht führen kann.

„Take you Pills“ möchte auf den Missbrauch von Adderall aufmerksam machen, aber diese Wirkung verfehlt der Bericht. Auf den Nutzen für Menschen, die die Medikamente aus gesundheitlichen Gründen benötigen, wird nur kurz eingegangen. Insgesamt kommt Adderall zu positiv weg. Die Schäden und dauerhaften Folgen, die diese Pillen auslösen, wie körperlicher Verfall, Psychosen sowie Schädigungen von Nervenzellen im Gehirn bleiben weitestgehend unthematisiert.

Und gesunde Alternativen zum Gehirndoping gibt es alle Male!

Diese natürlichen Tricks steigern deine Leistung:

  • Kurze Spaziergänge an der frischen Luft und bei Tageslicht wirken in Stresssituationen regenerierend und stimmungsaufhellend.
  • Eine ausgewogene Ernährung, wie beispielsweise durch den Verzehr von Obst und Gemüse sowie Seefisch und Walnüssen, trägt zum Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit bei.
  • Ausreichend Schlaf steigert die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Auch kurze Schlafphasen (sog. Power-Napping) von etwa zehn Minuten haben einen regenerativen Effekt.
  • Entspannungsmethoden wie autogenes Training, Yoga,Meditation oder auch progressive Muskelrelaxation helfen beim Umgang mit Stress.
  • Regelmäßiger Sport steigert die Belastungsfähigkeit in Stresssituationen und hilft, depressiven Verstimmungen vorzubeugen bzw. diese zu lindern.

 

Beitragsfoto: Rawpixel via pixabay (CC0)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.