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gendermedizin
Gesellschaft Medizin & Forschung

Gendermedizin – Kennst Du nicht? Dein Arzt wahrscheinlich auch nicht!

Die Medizin arbeitet mit dem Ein-Mensch-Modell, so Dr. Elisabeth Zemp, Professorin am Public-Health-Institut in Basel. Das ist einfach. Der Mensch ist der männliche Körper, der weibliche lediglich eine Abweichung davon. Den nicht zu verleugnenden Abweichungen wie Gebärapparat und Zyklus, hat die Wissenschaft einen Teilbereich eingeräumt: die Gynäkologie. Doch, dass das der einzige Unterschied sein soll, ist ein Irrglaube. Die Gendermedizin, ein recht junges wissenschaftliches Feld, beachtet die biologischen Unterschiede von Mann und Frau in allen Bereichen: Wie äußern sich Symptome der gleichen Krankheit, erkrankt ein Geschlecht häufiger als das andere, wie wirken Medikamente auf Männer und Frauen?

Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Medizin kaum beachtet

Die Erkenntnisse aus diesem wichtigen Bereich der Medizin werden in der Realität kaum gelebt. Insbesondere die Unterschiede bezüglich hormoneller Struktur und Stoffwechselprozesse sowie körperlicher Ausprägungen, wie Muskelmasse und Körperfettanteil, spielen eine große Rolle. Diese werden jedoch kaum bei pharmakologischen Studien sowie Diagnosen und Therapieverordnungen berücksichtigt. Auch psychosoziale Einflüsse, die von Kindheitstagen an auf Lebensweise und Rollenverständnis einwirken, spielen im Untersuchungszimmer selten eine Rolle.

Pharmakonzerne testen überwiegend an männlichen Versuchstieren und Probanden

Pharmakonzerne setzen seit dem Contergan-Skandal in den 60er Jahren kaum weibliche Probanden in Arzneimittel-Erprobungen ein, aus Angst, Wirkstoffe könnten die Fruchtbarkeit der Frauen oder die Gesundheit ungeborener Kinder beeinflussen. Verständlich. Aber deshalb weibliche Teilnehmer aus klinischen Studien ausschließen? Untersuchungen belegen, dass Inhaltsstoffe auf den weiblichen Körper anders wirken, dass Frauen andere und häufiger Nebenwirkungen haben. Trotzdem verzichten Pharmaunternehmen selbst in den frühen Phasen von klinischen Studien auf weibliche Versuchstiere. Wohl aus einem einzigen Grund: Zyklusbedingte hormonelle Schwankungen beeinflussen Wirkungsweisen. So dauern die Studien länger und werden automatisch teurer. Durch Tests an nur männlichen Versuchstieren könnten Wirkstoffe unberücksichtigt bleiben, die bei weiblichen Tieren und später auch Frauen deutlich wirksamer und verträglicher sind. Außerdem ist die Wirkungsweise während der verschiedenen Zyklusphasen wichtig, denn Frauen nehmen in allen Phasen Medikamente.

Falsche Diagnosen und Fehlbehandlungen

Doch nicht nur die Pharmaindustrie ignoriert wichtige Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Auch Ärzte sind in ihren Behandlungen noch nicht bei der Gendermedizin angekommen. Sie verschreiben für gleiche Symptome gleiche Medikamente. Die Dosierung richtet sich allenfalls nach dem Körpergewicht. Auf unterschiedliche Symptome der gleichen Erkrankung wird selten Rücksicht genommen. Glücklicherweise entwickelt sich insbesondere bei der Diagnose von Herzinfarkten langsam mehr Aufmerksamkeit bei den Behandelnden und Betroffenen. So erfahren Männer meist den klassischen Herzinfarktschmerz, der stechend in den Arm ausstrahlt. Frauen fühlen sich oft unwohl, haben Schmerzen im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen, Müdigkeit. Medien haben das Thema in den letzten Jahren häufiger aufgenommen und so sensibilisiert. Doch auch Rollenbilder tragen ihr übriges zu falschen Therapien bei: Männer werden oft bei psychologischen Gesichtspunkten vernachlässigt, Frauen häufiger mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Auch so entstehen falsche Diagnosen. Menschen werden falsch behandelt, was zu weiteren Erkrankungen und Folgeschäden führen kann.

Wir brauchen Gendermedizin – besser noch Individualmedizin

„Deutschland hinkt bei der Integration von geschlechterspezifischer Medizin bei der me­di­zinischen und zahnmedizinischen Ausbildung im internationalen Vergleich hinterher.“( Deutscher Ärztinnenbund )

Es fängt im Studium an: Mediziner und Forscher müssen lernen, dass es diese biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die einen großen Einfluss auf Erkrankung und Genesung haben. Handlungsanleitungen und Symptomsammlungen vereinfachen die Herangehensweise und die Diagnose bei Erkrankten. Doch dies kann nur eine erste Orientierung sein. Bestenfalls wird es in Zukunft Leitlinien für die verschiedenen Geschlechter geben. Ebenso wie Medikamente, die unter Rücksicht auf geschlechtsspezifische Unterschiede entwickelt wurden. Doch auch dann sind wir weiterhin darauf angewiesen, dass der behandelnde Arzt nicht nach Schema F vorgeht, sondern den Patienten in seiner Individualität betrachtet. Sein Geschlecht, genetische Vorbelastungen, psychologische und verhaltensbedingte Faktoren sowie seine individuellen Umwelteinflüsse. Das ist schwieriger, dauert länger und ist zunächst kostenintensiver? Ja. Aber im besten Fall rettet es Leben!

Beitragsfoto: Rawpixel via pixabay (CC0 1.0)

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