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Menschen

Vom evangelikalen Christentum zur eigenen Comedy-Serie: Der wundersame Weg der Michaela Coel

Bis vor Kurzem las sich ihre Twitter-Selbstbeschreibung noch so: „The darker than a paper bag, working class, vegan, androgynous, agnostic, 1st generation diasporic childfree milf with zero chill“.

Michaela Coel nimmt sich selbst nicht so ernst und das ist auch das Geheimnis ihres Erfolgs. Die Macherin der Comedy-Serie „Chewing Gum“ hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Noch vor zehn Jahren hätte niemand gedacht, dass Coel eines der gefragtesten Gesichter des britischen Fernsehens werden würde, mit einer eigenen Serie, die weltweit auf Netflix zu sehen ist.

Denn zu diesem Zeitpunkt zog die damals 20-Jährige mit religiösen Gedichten durch die Pubs, um bei Poetry Slams Menschen zum Christentum zu bekehren. Bei einem ihrer Auftritte wurde der Theaterregisseur Ché Walker auf ihr Talent aufmerksam und ermutigte Coel zum Schauspielstudium. Kurz darauf wurde sie in der Guildhall School of Music and Drama angenommen – als erste Schwarze Schauspielschülerin in fünf Jahren.


Coel bei der BAFTA-Verleihung 2017. Das Kleid hat ihre Mutter für sie geschneidert.

Der Durchbruch kam mit ihrer Abschlussprüfung

Mit dem Theaterstück „Chewing Gum Dreams“ – ihrer Abschlussprüfung an der Schauspielschule – ging es für Michaela Coel 2014 steil bergauf. Bereits während ihres Studiums konnte sie sich mit keiner der Rollen identifizieren, die sie spielte. Sie wusste, dass Menschen wie sie in der Kunst und in den Medien unterrepräsentiert sind. Die Rollenangebote nach Abschluss ihres Schauspielstudiums würden wahrscheinlich ausbleiben.

Coel sah ihre Lebenswelt nirgendwo abgebildet und das musste sich ändern:

Mit „Chewing Gum Dreams“ erzählt sie Geschichten aus der Perspektive einer Schwarzen Frau aus einer afrikanischen Einwandererfamilie, die im britischen Arbeitermilieu zuhause ist.

Sie ist das, was man als Fresh Voice bezeichnet. Ihr Theaterstück wurde ein großer Erfolg. Kurz darauf stand der TV-Sender e4 bei ihr vor der Tür und bot Coel ein eigenes Fernsehformat an. Die Serie „Chewing Gum“ ist ihr Baby, für das sie das Drehbuch schrieb, den Titelsong komponierte und in die Hauptrolle schlüpfte. „I just gave birth“, sind die Worte, die Michaela Coel vor sich hin schluchzte, als man sie kurz nach Drehschluss der ersten Staffel weinend auf dem Boden ihres Trailers fand.

Coels Erfahrungen mit Rassismus: Als sie aufwuchs, wollte sie nicht Schwarz sein. In ihrer Nachbarschaft waren sie und ihre Familie die einzigen mit afrikanischen Wurzeln.

Eine Milieustudie, die keine sein will: “Chewing Gum”

„Chewing Gum“ ist eine Milieustudie der anderen Art. Coel repräsentiert die Unterrepräsentierten ohne erhobenen Zeigefinger und dafür mit viel Selbstironie und derbem britischen „Toilet Humour“.

In der Serie begleiten wir Tracey Gordon, eine 24-jährige sexbesessene Jungfrau, die in einem Londoner Council Estate – einer sozial abgehängten Nachbarschaft – zuhause ist. Dabei nimmt uns Coel mit in eine Welt, die viele nur aus Dokumentationen kennen. Die so genannten sozialen Brennpunkte werden durch Coels persönlichen Anstrich zu bunten Gemeinschaften mit einem großen nachbarschaftlichen Zusammenhalt.

Das zentrale Thema der ersten Staffel ist Traceys Versuch, ihre Unschuld zu verlieren. Das klappt weder mit ihrem ersten noch mit ihrem zweiten festen Freund. Der erste Mann in Traceys Leben ist nicht nur religiöser Fanatiker, sondern auch nicht-geouteter Schwuler. Der zweite ist weiß und hat keine beruflichen Ambitionen, außer erfolgreicher Dichter zu werden. Dafür fehlt ihm jedoch jegliches Talent. Wegen seiner Hautfarbe und seiner fehlenden Nähe zu Gott hat Tracey außerdem große Bedenken, ihn ihrer Familie vorzustellen.


Michaela Coel als Tracey Gordon in “Chewing Gum”

Wieviel “Tracey Gordon” steckt in Michaela Coel?

Michaela Coel, die selbst fünf Jahre lang evangelikale Christin war, nimmt in „Chewing Gum“ ultrareligiöses und scheinheiliges Christentum aufs Korn. Ausschlaggebender Grund für ihren eigenen Sinneswandel war die Zeit an der Schauspielschule. Hier lernte sie viele Freunde kennen, die nicht in ihr bisheriges Weltbild passten. Daher musste dieses weichen.

Auch sonst finden sich in der Serie Parallelen zu Coels eigenem Leben. Genau wie Tracey wuchs sie gemeinsam mit einer Schwester als Tochter einer alleinerziehenden, afrikanischen Mutter in einem Londoner Council Estate auf. Die Vorlage zur Serienfigur sei eine Mischung aus ihr selbst und ihrer vierjährigen Cousine, wie Coel verrät.

Was vor zehn Jahren noch undenkbar schien, ist heute Realität. Michaela Coel hat inzwischen mehrere Auszeichnungen für ihre Leistungen im britischen Fernsehen erhalten, darunter einen „BAFTA“ für „Best Female Comedy Performance“ und einen „BAFTA“ für „Breakthrough Talent for writing“.

In diesem Jahr wird Michaela Coel auf dem internationalen Fernsehfestival in Edingburgh die James MacTaggart Memorial Lecture halten. Coel ist die fünfte Frau in der 42-jährigen Geschichte der Vorlesung, die dort vortragen wird. 

Die Trophäen stehen nicht bei ihr zuhause, sondern im Wohnzimmerschrank ihrer Mutter. Ihr hat Coel vieles zu verdanken, unter anderem das Vorleben einer Aufstiegsbiografie. Als ihre Mutter damals von Ghana nach Großbritannien zog, brachte sie die Familie zunächst von ihrem Gehalt als Reinigungsfrau durch, ehe sie ein Psychologiestudium begann und dieses mit einem Master abschloss.

In gewisser Weise folgte Michaela Coel dem Beispiel ihrer Mutter und ist heute selbst Vorbild für viele. Die Frau, die sich selbst als „dunkler als eine Papiertüte” beschreibt (als eine ungebleichte wohlgemerkt), ermutigt alle die anders sind, an sich selbst zu glauben:

„If there is anyone out there that looks like me or just feels a little bit out of place, trying to get into performing, I just say: You are beautiful – embrace it. You are intelligent – embrace it. You are powerful – embrace it.“

 

 

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Beitragsbild: “Chewing Gums” von J. Kivinen (CC BY-SA 2.0)

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