Journal XX
Selbstoptimierung und Biohacking
Gesellschaft Medizin & Forschung

Ich – einfach verbesserlich. Über Selbstoptimierung, Transhumanismus und Cyborgs

Der Mensch ist schon immer bestrebt, sich zu verbessern und sein Leben zu vereinfachen. Nachdem äußere Bedingungen heute nur noch wenig Einfluss auf die Evolution des Menschen im darwinschen Sinne nehmen, beeinflusst der Mensch selbst, wie er sich entwickelt. Wie er sich anpasst an größtenteils von ihm erschaffene Umweltbedingungen. Das Stichwort lautet Selbstoptimierung.

Die Quantified Self Bewegung macht es vor und bindet nebenbei eine Light-Version von Biohacking in ihren Alltag ein. Die Anhänger sammeln mit Tracking-Lösungen für Sport und Gesundheit ihre personenbezogenen Daten. Diese analysieren sie, um im Anschluss ihren Körper, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Leben zu verbessern. Dabei reichen die zur Optimierung eingesetzten Biohacks von Bulletproof Coffee (Kaffee mit Butter und Öl), über Umarmungen zur erhöhten Ausschüttung von Oxytocin bis zur Anwendung von Software zum Filtern der blauen Lichtimpulse des PC-Bildschirms, die uns das Einschlafen erschweren. Body-, Food- und Mindhacking-Tipps helfen dem Selbstoptimierer, sportliche und mentale Höchstleistungen zu erbringen, gesünder und schlussendlich glücklicher zu sein.

Dabei ist das Ganze ein alter Hut. Seitdem das menschliche Gehirn funktioniert, wie es heute funktioniert, und Gedankenprozesse Sehnsuchtsempfinden und Wünsche hervorrufen, will der Mensch sich und sein Lebensgefühl verbessern. Schon die antiken Griechen trieben Sport und maßen sich in Wettstreiten, da ein athletischer Körper nicht nur Gesundheit, sondern auch Ansehen versprach. Jahrtausende alte asiatische Heilmethoden streben einen verbesserten Körper und Geist, und somit ein glückliches Ich, an.

Doch der Wunsch nach einer verbesserten Version des Selbst nimmt heute ganz andere Züge an. Natürlich auch auf Grund von Forschung, technischer Entwicklung und gesellschaftlicher Möglichkeiten. Die Zahl der Self-Tracker und Biohacker ist noch verhältnismäßig klein, erfreut sich aber immer größerer Beliebtheit. Die, die diese Lebensweisen verinnerlichen, richten ihren Tagesablauf danach aus. Sie leben die Tipps, Hacks und Versprechen auf ein besseres Leben wie eine Religion: Sie sollen zum Seelenheil führen.

Garagen-Forschung und Cyborgs

Eine kleinere Gemeinschaft an Biohackern geht über die allgemein verträgliche Selbstoptimierung hinaus. Mit DIY-Kits betreiben sie medizinische Forschung und Gen-Manipulation in der heimischen Garage oder am Küchentisch. Die Amateur-Biologen suchen Wege, Gene neu zu kombinieren, andere auszuschalten oder selbstentwickelte Präparate zu finden. Während einige an Pflanzen und Tieren experimentieren, nutzen andere sich selbst als Versuchsobjekt. Die technischen Möglichkeiten tragen ihr Übriges dazu bei. Da werden schon mal selbst programmierte und unerprobte Computerchips unter die Haut implantiert.

Transhumanistische Biohacker wollen über die Grenzen des Menschen hinausgehen. In psychischer, physischer und intellektueller Hinsicht. Geht es nach ihnen, sind körperlich integrierte Self-Tracker und RFID-Chips zum Öffnen der Haustüre erst der Anfang. Sie wollen ihren Körper und ihren Intellekt an die äußeren Gegebenheiten radikaler anpassen, ihn verbessern und sich vermeintlich das Leben erleichtern. Dafür stehen sie neben genetischen Veränderungen auch Comptertechnik und künstlichen Erweiterungen ihres Körpers aufgeschlossen gegenüber. Cyborgs als hybride Mensch-Maschine-Wesen sind für sie denkbar. Dies führt hin bis zum Hochladen des menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher.

Wie blickt der Selbstoptimierer auf sich und das Leben?

Es drängt sich die Frage nach dem Warum auf. Und nach dem Bild der Selbstoptimierer vom menschlichen Körper und dessen Verbindung zum Selbst.

Das Streben nach einem glücklichen Leben liegt im Menschen. Seit Jahrtausenden versucht er Einfluss auf seine Situation zu nehmen und dadurch dieses Ziel zu erreichen. Er nimmt dafür körperliche und mentale Anstrengungen in Kauf. Aufgrund der Verunsicherung der traditionellen Wert- und Sinnorientierung in der heutigen Gesellschaft ist die erkennbare Fixierung auf sich selbst nachvollziehbar. Man nimmt sein Leben in die Hand und verbessert es, um Wohlbefinden und Glück zu erlangen.

Grundsätzlich ist das ein guter Ansatz. Nutze ich Hacks um mich zu unterstützen, mental und körperlich gesund zu sein, können sie helfen. Permanente Selbstüberwindung, Verzicht und Askese können zu meinen Zielen führen. Gelingt es, verstärken sie mein Gefühl von Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit und können mein Selbstvertrauen und soziale Anerkennung steigern. Gelingt es mir nicht, kann es das Gegenteil bewirken. Insbesondere die gesellschaftlichen Erwartungen, das Schönheitsideal und sozialer Druck spielen eine große Rolle. Gibt es viel zu „optimieren“, sehe ich meinen Körper und mich selbst als ungenügend an. Ob das der richtige erste Schritt zu einem glücklichen Leben ist?

Die Selbstoptimierer, die ihr Leben durch sanfte Biohacks verändert haben, sprechen über die alte Version ihres Körpers und ihrer selbst eher abwertend. Ihr “wahres Ich“ hat lange unter zu viel Fett, einem hässlichen Gesicht oder Faulheit gelitten. Sich als Ganzes, als Einheit von Körper und Geist zu sehen, liegt ihnen scheinbar fern. Es macht den Anschein, als wäre der Körper für Biohacker nur ein Mittel zum Zweck. Das form- und erweiterbar ist, um nicht länger als notwendiges, unzureichendes Übel das Leben zu erschweren. Manche wollen die alternde Hülle ganz abstreifen und sich in ein haltbares, optimiertes Medium übertragen. Aber kann eine Entkopplung von einem (unzureichenden) Körper geistige Gesundheit ermöglichen?

Und welchen Stellenwert nehmen Genuss und spontane Freude für Biohacker ein? Diese müssen im durchstrukturierten und programmierten „verbesserten“ Leben Ernährungs- und Tagesplänen weichen. Kann mein in einen Computerchip ausgelagertes Bewusstsein überrascht werden und überhaupt noch empfinden?

Wer profitiert noch vom Selbstoptimierungs-Trend?

Insbesondere die Industrie freut sich über die neue Spielwiese, die ihnen die größere Gruppe der Selbstoptimierer bietet. Der Umsatz von Self-Tracking Armbanduhren, datenspeichernden Personenwaagen und gekoppelter Software steigt. Im Internet, auf Plakaten und im TV bewerben immer mehr Anbieter ihre neuen Supplements. Die Nahrungsergänzungsmittel versprechen den schnellen Weg zum gesunden und schlanken Körper. Und es geht weit darüber hinaus: Schlafbrillen mit speziellen Lichtimpulsen, Software für alle digitalen Endgeräte zur Aufzeichnung und Kontrolle unseres Essverhaltens, unserer Stimmung und unseres Schlafs. Eine weitere Nische entdeckten amerikanische Unternehmer, die das gewöhnliche Fitnessstudio durch ein Biohacking Studio, gerne auch Labor genannt, ablösen.

Wie weit werden die Menschen, die sich im Bulletproof Lab intravenös Vitamin-Infusionen geben und in eine Kryokapsel einschließen lassen, in Zukunft gehen? Sinkt die Hemmschwelle für künstliche Veränderungen des eigenen Körpers, wie implantierte Chips oder zellverändernde Substanzen?

Transhumanistische Biohacker sind Politik und Wirtschaft aktuell noch ein Dorn im Auge. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit warnte im Frühjahr 2017 vor den höchst bedenklichen Biohacking-Kits und strafbaren Experimenten im heimischen Keller. Die Light-Selbstoptimierer sind jedoch von Interesse. Gesündere und fittere Arbeitnehmer leisten mehr und kontinuierlich. Durch die vielen freiwillig erhobenen Daten werden wir noch kalkulier-, kontrollier- und verwaltbarer. Auch wenn Software-Firmen und Krankenkassen beteuern, dass sie die gesammelten und gespeicherten Daten nicht weitergeben, haben wir alle in der Vergangenheit gelernt, wie sicher digitale Daten wirklich sind: NSA- und Facebook-Skandal sind uns noch gut in Erinnerung. Denken wir nun an eine Zukunft mit Cyborgs. Bei technikoptimierten Körpern und computergestütztem Intellekt bekommt die Gefahr durch Hacking noch einen ganz anderen Stellenwert.

Eine Gesellschaft von Selbstoptimierern?

Wie so oft gilt auch hier wohl: In Maßen genießen! Eine Unterstützung zur Selbstdisziplin und Achtsamkeit für ein bewussteres und gesünderes Leben mag für viele attraktiv und nützlich sein. Sicher sind dies auch Bedingungen auf dem Weg zu einem glücklichen Leben. Meinen Zielen und Anstrengungen sollte aber immer meine eigene Motivation vorangehen. Und auch Genuss, unerwartete Freude und die eigene Erlaubnis zum Nichtstun tragen zur Lebensqualität bei. Biologische und technische Möglichkeiten werden in Zukunft noch häufiger das Leben kranker oder eingeschränkter Personen beeinflussen und verbessern. Aber wichtig bleibt: Die Welt darf nicht zu einem Ort werden, an dem der Mensch nur auf sich bezogen ist und Tätigkeiten und andere Menschen rein danach bewertet, ob sie ihm nützen oder schaden. Der Mensch muss in seiner Gesamtheit und um seiner selbst willen Beachtung finden.

Beitragsfoto: Comfreak über pixabay.com (CC0)

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