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Gesellschaft Medizin & Forschung

Social Freezing: Warum der Traum vom späten Kinderkriegen keiner ist

Es scheint für viele Frauen eine erlösende Nachricht zu sein: Frauen, die ihre unbefruchteten Eizellen in jungen Jahren einfrieren lassen, können auch noch jenseits der 45 Mütter der eigenen biologischen Kinder werden. Laut einer Forsa-Studie aus dem Jahr 2015 stehen zwei Drittel der 18 bis 30 Jährigen dem Social Freezing aufgeschlossen gegenüber. Das „Ticken der biologischen Uhr“ könnte für Frauen bald der Vergangenheit angehören.

Was für viele nach der nächsten großen „Befreiung der Frau“ nach Einführung der Antibabypille klingt, ist es in Wirklichkeit nicht.

Wenn wir uns der Social Freezing Euphorie hingeben, erliegen wir nicht nur dem beliebten Irrglauben, dass sich komplexe gesellschaftliche Probleme mit Technologie lösen lassen. Tatsächlich befeuern wir mit dem Einfrieren unserer Eizellen gleichzeitig ein zutiefst sexistisches Weltbild.

2014 sorgten Apple und Facebook für großes mediales Aufsehen, indem sie damit warben, die Kosten für das Einfrieren der Eizellen ihrer Mitarbeiterinnen zu übernehmen. Kurze Zeit später tat es Google ihnen gleich.

Sollte sich Social Freezing in der Arbeitswelt durchsetzen, haben wir ein Problem. Wer sagt, dass junge Frauen auf dem Arbeitsmarkt durch Kindererziehungszeiten nicht „ausgebremst“ werden dürfen, sagt gleichzeitig, dass Frauen über 40 auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr zu suchen haben.

Es wird noch weniger Frauen in leitenden Positionen geben, da ihre Erwerbsbiografien mit dem späten Kinderkriegen nicht nur unterbrochen, sondern gänzlich beendet werden. Struktureller Sexismus und Altersdiskriminierung gehen hier Hand in Hand.

Sollte das Einfrieren der eigenen Eizellen zur Norm werden, können Frauen noch weniger über ihren Körper bestimmen. Sie werden stattdessen in ein viel engeres Korsett gezwängt.

Denn in dieser nicht allzu fernen, dystopischen Welt wird das Kinderkriegen in jungen Jahren nicht mehr nur unerwünscht sein, sondern strafbar. Es lässt sich schließlich vermeiden.

Aber es ist nicht alles schlecht: Elternschaft und Großelternschaft können dann in einem Abwasch erledigt werden. Die eigenen Enkelkinder wird man ohnehin nicht mehr kennenlernen.

Es lebe die Effizienz!

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Beitragsfoto: Boris Gonzalez (CC0)

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