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Resilienz
Ernährung & Gesundheit Ratgeber

Resilienz: Auf den Spuren der psychischen Widerstandskraft

Kaum ein psychologisches Phänomen hatte in den letzten Jahren so eine mediale Trageweite wie der Begriff Resilienz. Der Buchmarkt wird überflutet von Ratgebern und Resilienztrainer postulieren, sie haben das Geheimnis der Resilienz gelöst. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser psychischen Widerstandskraft, die in aller Munde ist? Kommen wir mit dieser Fähigkeit zur Welt oder kann Resilienz trainiert werden, wie ein Muskel im Fitnessstudio?

Das Wort Resilienz kommt aus dem Lateinischen: “Resilio” bedeutet abprallen, zurückspringen. In der Materialkunde bezeichnet der englische Begriff “resilience” die Eigenschaft von Werkstoffen, nach starker Verformung wieder die ursprüngliche Gestalt anzunehmen.

Resiliente Menschen überstehen Krisen demnach weitestgehend unbeschadet und finden schnell wieder in ihre alte Form zurück.

Stehaufmännchen und “Teflon-Ich”

Denke ich an den Begriff Resilienz, kommt mir mein Stehaufmännchen aus Kindertagen in den Sinn: Wegen des Gewichts im Bauchteil der Figur konnte man sie nicht zum Fall bringen. Stieß man dagegen – egal wie fest, egal wie oft – richtetete sich die Figur postwendend wieder auf.

Ich frage mich was es mit diesem Gewicht bei resilienten Menschen auf sich hat. Wie werden sie immer wieder geerdet? Wie können sie Krisen und sogar traumatische Erfahrungen unbeschadet überstehen?

Denn ich wäre auch gern so: unkaputtbar! Alle Widrigkeiten des Lebens perlen an mir ab, wie Regen an einer imprägnierten Jacke (oder wie Bratenreste an einer Teflon-Pfanne).

Leider bin ich das genaue Gegenteil, nämlich eine Dramaqueen wie sie im Buche steht. Ich gehe zuerst vom Schlimmsten aus, vom Allerschlimmsten natürlich. Ich grüble so viel, dass ein Freund kürzlich süffisant zu mir meinte: “Wenn denken weh tun würde, dann wärst du an den Schmerzen schon längst gestorben.”

Scream
Foto: Gabriel Matula via: Unsplash

Ich fühle mich permanent gestresst und bin damit nicht allein. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse fühlt sich jeder zweite Deutsche gestresst, jeder fünfte dauergestresst. Wir leben in einer High-Performance-Gesellschaft. Die Lebensbereiche, in denen wir funktionieren müssen, nehmen stetig zu:

Wir sollen flexibel, belastbar, erfolgreich, ständig erreichbar, sportlich und schön sein. Dass wir die perfekten Eltern und Liebhaber sind, versteht sich von selbst. Soziale Netzwerke erhöhen den sozialen Druck, weil einem das vermeintlich perfekte Leben täglich vor Augen gehalten wird.

Was machen wir dauergestressten Paradebeispiele eines nicht resilienten Bevölkerungsteils, wenn wir auch den heiligen Gral der Resilienz erreichen möchten?

Auf den Spuren der Resilienz

Umso mehr ich forsche, desto klarer wird mir –  und jetzt wird es ernüchternd – die Superman-Power-Resilienz gibt es nicht, höchstens in unserem Wunschdenken. Wir wollen gerne glauben, dass wir durch Diäten dauerhaft abnehmen oder dass ein konventionelles Workout dadurch ersetzt werden kann, sich Strom durch den Körper zu jagen.

Das Teflon-Ich, an dem alle Probleme abperlen, existiert nicht. Wir alle sind verletzlich und empfinden Wut, Angst, Trauer und Selbstzweifel angesichts von Tod, Krankheit oder Arbeitslosigkeit.

Der Hirnforscher und Mitbegründer des Mainzer Resilienzzentrums Raffael Kalisch warnt davor den Begriff zu überladen: „die Verarbeitung von traumatischen Kriegserfahrungen lässt sich nicht mit dem Wunsch nach weniger Stress im Büro vergleichen.”  Kalisch hält die Vorstellung einer generellen Resilienz, die für jeden Menschen in jeder Krise gleich gültig ist für fragwürdig. Die Idee, dass Resilienz eine konstante Charaktereigenschaft darstellt, hält er für falsch.  „Wir haben bislang nichts Stabiles identifiziert, kein Persönlichkeitsprofil, das Prognosen erlaubt“, sagt Kalisch. Resilienz sei ein dynamischer Prozess, der erst mit der Herausforderung entstehe.

Immun Nein, System Ja

Niemand ist also gegen Krisen immun, niemand wird resilient geboren. Resiliente Menschen haben vielmehr ein System entwickelt, schwere Situation besser zu händeln. Sie verharren nicht auf dem Tiefpunkt, sondern besinnen sich auf ihre Stärken und ziehen sich selbst am Schopf aus dem Sumpf. Resilienz bezeichnet vielmehr eine bestimmte Lebenseinstellung und es gibt Techniken und Strategien diese positive Einstellung zu erwerben.

Die amerikanische Psychologenvereinigung hat eine Anleitung zum Erlernen von Resilienz formuliert, die ich hier vorstellen möchte:

  • Akzeptiere den Wandel als etwas, das zum Leben gehört.
  • Betrachte Krisen nicht als unüberwindbare Probleme.
  • Glaube an deine (realistischen) Ziele und an dein Können.
  • Treffe aktiv Entscheidungen und verlasse die Opferrolle.
  • Sieh die Dinge aus einer langfristigen Perspektive.
  • Baue soziale Beziehungen auf.
  • Achte auf dich selbst.
  • Denke positiv über dich.

Wer nun denkt, das klingt nach abgedroschen Plattitüden, sollte ehrlich zu sich selbst sein und sich fragen, inwiefern er diese Glaubenssätze beherzigt und wirklich lebt. Denn das scheint bei all der Begriffsjonglierei und den vielen Leitsätzen wohl die größte Herausforderung: Ehrlich zu sich selbst zu sein.

Hierzu zählt: Das eigene Verhalten und automatisierte Denkmuster laufend zu hinterfragen, negative Gefühle trotzdem zuzulassen, denn sie haben ihre Berechtigung. Liebeskummer tut weh, Arbeitslosigkeit nagt am Selbstwert und Krankheit und Tod können einem jegliche Lebensenergie rauben. In diesen Phasen ist es wichtig nicht den Mut zu verlieren und in schädliches Grübeln zu verfallen. Der Soziologe Bruno Hildebrand betont, dass Krisen im menschlichen Leben „nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalfall sind.“ Der Neurowissenschaftler und bekannte Resilienzforscher Boris Cyrulnik beschreibt das Leben als „eine Gratwanderung zwischen allen Formen der Verletzlichkeit.“

Stress, Krisen, Tragödien gehören zum Leben dazu

Resiliente Menschen haben gelernt, konstruktiv mit diesen Umständen umzugehen und sehen sie als zeitlich begrenztes Ereignis. Resiliente Menschen verlieren sich nicht in einem negativen Gedankenstrudel und fallen in eine Opferstarre. Wie der Frosch, der in die Sahne fällt, fangen sie an zu strampeln und zwar so fest, bis diese steif wird.

Die Genetische Komponente und das Naturell eines jeden Menschen spielen eine Rolle, aber eine nebensächliche. Weitaus bedeutender ist die innere Einstellung und die Fähigkeit mit Stress umzugehen. Ich werde sicher immer eine kleine Dramaqueen bleiben, aber eines meiner Lieblingszitate besagt: “Ich bin Pessimist für die Gegenwart, aber Optimist für die Zukunft”.  Und das ist es doch, was Resilienz letztendlich ausmacht.

Beitragsfoto: Gratisography (CC0)

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